Hirtenwort zum Erneuerungsprozess

HERR, ERNEUERE DEINE KIRCHE UND FANGE BEI MIR AN

Liebe Schwestern und Brüder,

die Lesungstexte jetzt im November zum Ende des Kirchenjahres sprechen häufig vom Ende der Zeit. Sie ermahnen uns, im Hier und Jetzt verantwortlich zu leben. Gerade weil die Zeit endlich ist, müssen wir sie klug gestalten.
Das stellt uns in unserem Erzbistum im Moment vor große Herausforderungen. Die finanzielle Lage ist sehr schwierig. Das haben wir Anfang des Jahres mit den diözesanen Gremien ausführlich besprochen und das ganze Bistum in mehreren Veranstaltungen und durch die Sonderbeilage „Bistum auf neuen Wegen“ [1] informiert.  Zwar sinken im Moment – Gott sei Dank –  unsere Mitgliederzahlen nicht und durch die wirtschaftliche Lage haben wir aktuell gute Kirchensteuereinnahmen.

Dem gegenüber steht aber eine riesige Zahl von Kirchen, Gemeindehäusern, Kindergärten, Bildungshäusern, Schulen etc. Ihr Unterhalt kostet jedes Jahr viel Geld. Dazu kommen noch die jährlich steigenden Personalkosten und die erheblichen Pensionsverpflichtungen für unsere Schulen. Entscheidungen der Vergangenheit binden uns heute. Wir können diese Entscheidungen nicht rückgängig machen, sondern müssen jetzt vorausschauend handeln.
Das heißt konkret: Wir müssen in unserem Haushalt in den nächsten Jahren Schritt für Schritt deutlich kürzen. Nur so können wir unsere Verpflichtungen einhalten und nur so bleibt uns noch Luft für Neues. Denn für viele Investitionen fehlt uns schon jetzt schlicht das Geld.

Prognosen sagen zudem, dass es bis Mitte des Jahrhunderts deutlich weniger Kirchenmitglieder geben wird. Das heißt auch, die Kirchensteuereinnahmen werden entsprechend sinken.

Eine einfache Lösung und lauter Einzelfallentscheidungen: das scheint nicht zu gehen.  Dabei macht sich das Gefühl breit, dass es wirklich an die Substanz geht. Wir müssen mit weniger finanziellen Mitteln, weniger Räumen, weniger Personal auskommen.

Dieser Situation wollen wir in unserem Erzbistum in einem klugen Prozess mit verschiedenen Projekten begegnen. Dieser Erneuerungsprozess setzt das fort, was wir mit der Entwicklung der Pastoralen Räume schon begonnen haben.

Der Prozess wird professionell begleitet und gut kommuniziert. Es bleibt unsere Aufgabe, richtige Fragen zu stellen und passende Antworten zu finden. Es ist mir auch ein Anliegen, dass sich in den verschiedenen Projekten viele Menschen beteiligen. [Heute/Gestern] haben sich deshalb über sechshundert Personen aus dem ganzen Erzbistum im Mariendom intensiv mit der Gegenwart und der Zukunft des Erzbistums beschäftigt.

Wir müssen alle Bereiche unseres Bistums erneuern: Finanzen, Pfarreien, Schulen, Kindertagesstätten, Caritas, Verwaltung und so weiter. Vor allem aber müssen wir uns selbst, unsere Christusbeziehung erneuern. Der Prozess steht deshalb unter dem Leitwort: „Herr, erneuere Deine Kirche und fange bei mir an.“ [2]

Unsere Diskussionen, unsere Fragen und erst recht unsere Antworten können dabei nicht nur wirtschaftlich bestimmt werden. Das können wir nie ausklammern. Aber als glaubende Menschen zieht sich unsere Beziehung zu Jesus Christus durch alles durch. Daraus ergibt sich alles andere. Wirtschaftliche, bürokratische, technische Reformen reichen nicht aus. „Jetzt dient uns nicht eine ‚reine Verwaltungsarbeit‘“, sagt Papst Franziskus in Evangelii gaudium  (Nr. 25).[3]

Weil Gott manchmal mit seinem Volk unbekannte Wege geht, brauchen wir für diesen Erneuerungsprozess eine große Offenheit füreinander und für Gottes Willen. Papst Franziskus ermutigt uns dazu. „Die [erneuerte] Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt verlangt, das bequeme pastorale Kriterium des ‚es wurde immer so gemacht‘ aufzugeben. Ich lade alle ein, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungs-Methoden der eigenen Gemeinden zu überdenken. Eine Bestimmung der Ziele ohne eine angemessene gemeinschaftliche Suche nach den Mitteln, um sie zu erreichen, ist dazu verurteilt, sich als bloße Phantasie zu erweisen“ (Nr. 33). Deswegen braucht es eine kluge geistliche Unterscheidung.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte vier Grundhaltungen nennen, die unsere Erneuerung bestimmen sollen:

Christus als Mitte. Christus ist die Mitte der Kirche. In unserer Taufe sind wir in ihn hineingenommen. In der Firmung ist diese Verbindung auf‘s Neue besiegelt worden. Beide Sakramente empfangen wir nur einmal. Sie bergen Potenziale in sich, die wir ein Leben lang ausschöpfen und entdecken können. Jeden Sonntag, ja jeden Tag, feiern wir die Eucharistie und werden ganz von Christi Kraft erfüllt.

Es ist unsere persönliche Beziehung zu Jesus Christus, die die Kirche lebendig hält. Ich bin der festen Überzeugung: Bei allen Veränderungen in der Kirche kommen wir nicht weiter, wenn wir hier oder da die Stellschrauben ein wenig nachjustieren. Vielmehr glaube ich: Nur wenn wir unsere Beziehung zu Jesus Christus immer wieder neu pflegen, können wir Kirche sein.

Deswegen ist unser Prozess auch kein „Strukturprozess“, sondern ein umfassender Erneuerungsprozess. Es geht darum, dass wir uns in unserer Beziehung zu Jesus Christus erneuern.

Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus Christus ist eine lebendige Person. Als Christen glauben wir ja nicht an ein Programm, sondern wir glauben, das heißt wir vertrauen, einer Person: Jesus Christus. Er ist Mensch geworden wie wir, und will stets neu in Beziehung treten zu uns Menschen. Die Kirche lebt ganz von der Person Jesu Christi und ganz in uns. Da, wo einzelne Menschen sich von Jesus Christus ansprechen lassen, können sie auch andere ansprechen. Wer vom Evangelium Jesu Christi berührt ist, wird selber zum Evangelisten.

Schon in der Heiligen Schrift gibt es die vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie machen deutlich, dass jeder seine individuelle Christusbeziehung hat. Das Neue Testament ist voll von unterschiedlichen Menschen, die persönlich von Christus angesprochen wurden: seine Apostel, die zweiundsiebzig Jünger, Lazarus, Maria, Martha. Und auch die Geschichte unserer Kirche liefert durch all die Jahrhunderte ganz vielfältige Beispiele: Martin, Franziskus und Dominikus, Teresia von Avila und auch eine Theresia von Lisieux, Johannes Paul II. und Mutter Teresa. Ganz zu schweigen von den verschiedenen Seligen und Heiligen unseres Bistums: Ansgar, Answerus von Ratzeburg, Niels Stensen oder die vier Lübecker Märtyrer.

Alle Strukturen, Institutionen und Mittel, die wir in unserer Kirche einsetzen, sollen den Menschen helfen, diese Christusbeziehung in all ihrer Unterschiedlichkeit zu leben. Unsere Gemeinden und Gemeinschaften, Familien und Freundschaften, Ordensgemeinschaften, die Kitas und Schulen und die vielen Orte kirchlichen Lebens in unserer Erzdiözese – sie sollen helfen, dass die Verbindung zum Wasser des Lebens, zu Jesus Christus selbst gelingen kann.
Ich frage mich manchmal: Fördert das, was wir tun, die Beziehung zu Christus? Ist es dazu neutral? Oder steht es dieser Beziehung im Weg?

Einheit. Die Beziehung zu Jesus Christus stiftet die Einheit unter uns Christen. Bei aller Verschiedenartigkeit ist unsere Beziehung zu Jesus das, was uns gemeinsam ist. Sie garantiert die Einheit zwischen allen Getauften, zwischen Alt und Jung, zwischen sozial Engagierten und geistlich Aktiven, zwischen den Alteingesessenen und den Neuen, zwischen unseren Gemeinden und Pfarreien, zwischen den drei Regionen unseres Bistums in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg und dem Gesamtbistum und natürlich auch in die Ökumene hinein.

Aus diesem Grund ist mir wichtig, dass in unserem Erneuerungsprozess alle wesentlichen Fragen behandelt werden, die uns beschäftigen. Wir werden eine Lösung im Miteinander finden. Die Antworten auf diese Fragen müssen wir für unser ganzes Bistum suchen. Hier kann sich niemand heraushalten.

Partizipation. In der Kirche hat jeder sein Charisma. Jeder hat seine eigenen Talente mitbekommen. In einem Gebet heißt es: „Keinem gabst du alles – und keinem nichts.“[4]  Mit unseren je verschiedenen Gaben partizipieren wir, haben wir teil am großen Ganzen der Kirche. Deswegen bitte ich Sie alle, Ihre eigenen Begabungen einzubringen. Unser Erneuerungsprozess wird nur dann an Fahrt aufnehmen, wenn jeder so mutig ist, seine Talente nicht für sich zu behalten, sondern für die anderen einzubringen. Kirche lebt von der Partizipation aller!

Mission. Wir sind nicht Kirche für uns selber. Wir können uns als Kirche nicht mit dem Kreisen um uns selbst begnügen. Kirche sind wir immer und zuerst für die anderen, ja für die ganze Welt. Die Kirche lebt aus einer diakonischen und missionarischen Grundhaltung. Wir wollen andere mit dem Evangelium in Berührung bringen in Tat und Wort. Deswegen bin ich sehr erfreut über das große Engagement, das viele Menschen an den Tag legen in der Verkündigung des Glaubens, in der Katechese, in der konkreten Zuwendung zum Nächsten in Caritas, in der Seelsorge, in unseren Schulen und Kindertagesstätten… Nur, wenn wir aus uns herausgehen, können wir für das Leben der Menschen eine Bedeutung gewinnen. „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen.“ (Lk 17,33)

Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Erneuerungsprozess wird ein hartes Stück Arbeit. Über die weitere Entwicklung informieren Sie die Neue KirchenZeitung und der Internetauftritt unseres Erzbistums. Es braucht die Mitarbeit vieler und vor allem das Gebet. Darum möchte ich Sie ausdrücklich bitten!

Ihr Erzbischof Stefan

Hamburg, den 12. November 2016

 

Das  Hirtenwort als pdf-Datei

 

 

[1] Abrufbar unter: https://www.erzbistum-hamburg.de/auf-neuen-wegen
[2] Entlehnt einem Gebet aus China, vgl. GL 22,3.
[3] Abrufbar unter http://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.html
[4] Messbuch, Tagesgebete zur Auswahl Nr. 14