Hirtenwort zum Hochfest des hl. Ansgar am 3. Februar 2019

Lesung: Jes 61,1–3a; 1 Kor 2,1–10a / Evangelium: Mk 16,15–20

Liebe Schwestern und Brüder,

seit etlichen Jahren beginne ich jeden Morgen mit dem gleichen Ritual. Bevor ich aufstehe, bekreuzige ich mich und spreche: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Ich beginne also jeden Tag mit dem dreifaltigen Gott.

Am Beginn eines jeden Tages steht für mich das, was in der Taufe, also am Beginn unseres christlichen Lebens steht: Ich gehöre zum dreifaltigen Gott, zum Vater, zum Sohn und zum Heiligen Geist. Auch jeden Gottesdienst beginnen wir mit dem Kreuzzeichen und bekennen uns damit zu unserem Gott. Der dreifaltige Gott ist der Dreh- und Angelpunkt unseres christlichen Glaubens, ja unseres ganzen Lebens.

Liebe Schwestern und Brüder,

was uns Christen mit einigen anderen Religionen verbindet, ist der Glaube an den einen Gott. Die Dreifaltigkeit des einen Gottes ist demgegenüber die Glaubenswahrheit, die nur Christen kennen. Wir glauben damit nicht an drei Götter, sondern an einen einzigen Gott in drei Personen. Unser Glaubensbekenntnis spricht deshalb zuerst vom Vater, später vom Sohn und schließlich vom Heiligen Geist.

Ich gebe zu, es ist für mich nicht einfach, die Dreifaltigkeit zu verstehen und zu erklären. Das hat aber auch sein Gutes: Gott ist letztlich ein Geheimnis, dem wir unser Leben lang auf der Spur bleiben. Aber er hat sich uns mitgeteilt und tut es bis heute. Die Bibel ist voll von Erfahrungen von Menschen, denen Gott sich zuwendet. Für uns ist Gott nicht irgendein Gedanke oder eine abstrakte Theorie. Menschen erfahren ihn immer wieder: in der Geborgenheit des Vaters, in der Begleitung, Vergebung und Erlösung durch den Sohn und im Heiligen Geist als innerer Kraftquelle.

„Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,16) heißt es im ersten Johannesbrief.  Der dreifaltige Gott, der Gott in drei Personen, ist Liebe. Liebe ist immer ein Beziehungsgeschehen. Liebe braucht ein Gegenüber. Und vollkommene Liebe schließt sich nicht ein, sondern öffnet sich für andere, möchte über sich hinauswachsen. Das zeigen Freunde, die sich gemeinsam für andere engagieren, oder Paare, die Kindern ein Zuhause schenken. Liebe wird tiefer, wenn ich sie teile.

Liebe Schwestern und Brüder,

im Herbst 2017 habe ich über WhatsApp eine Umfrage gestartet: „Was ist für euch Glück?“ Mir ging es um die kleinen Glücksmomente im Alltag und um die großen Linien im Leben, die uns glücklich machen. Mehr als hundert Menschen haben mir viele berührende Glücksmomente und Glücksfaktoren zurückgeschrieben. Eines ist mir dabei aufgefallen: Für die meisten Menschen hängt Glück mit Beziehungen zusammen. „Freunde“ und „Meine Familie“ schrieben einige, oder auch: „Glück ist für mich, einen Menschen gefunden zu haben, bei dem ich mich zu Hause fühle.“ Ein anderer antwortete: „Glück bedeutet für mich, bedingungslos geliebt zu werden.“ Es sind die Beziehungen, die unser Leben kostbar machen. Sie tauchen alles in ein ganz besonderes Licht.

Gott, unser Schöpfer, ist in sich selbst als Vater, Sohn und Heiliger Geist eine Beziehung der Liebe. Er wirkt nie anders als in dieser Gemeinschaft und will nichts sehnlicher, als Gemeinschaft zu stiften. Uns Menschen hat er nach seinem Bild geschaffen – als Beziehungswesen. Er gibt unseren menschlichen Beziehungen ein Vorbild. Denn seine Liebe ist nicht ein Brauchen, sondern ein Schenken. Jeder Missbrauch und vor allem jeder sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist darum das Gegenteil von dem, wozu Gott uns geschaffen hat. „Wahre Liebe fordert nicht, wahre Liebe gibt. Sie ist ein Entgegenkommen, ein Geben, aber auch ein Annehmen. Wahre Liebe ergreift nicht Besitz, sondern gibt Freiheit.“ (Marie von Ebner-Eschenbach zugeschrieben)

Liebe Schwestern und Brüder,

das heutige Evangelium am Fest des heiligen Ansgar bildet den Abschluss des Markusevangeliums. Der auferstandene Christus gibt seinen Jüngern noch einen letzten Auftrag, um dann in den Himmel aufzufahren: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15) Dieser Auftrag ist uns Christen ins Stammbuch geschrieben. Wir sollen uns nicht in uns selbst einschließen, sondern hinaus in die Welt gehen und der ganzen Schöpfung das Evangelium verkünden.

Was dieser Auftrag für uns als katholische Kirche im Norden heute heißt, will der Erneuerungsprozess im Erzbistum Hamburg auf den Weg bringen. Am Sankt-Ansgar-Tag des letzten Jahres habe ich den Pastoralen Orientierungsrahmen für unser Erzbistum in Kraft gesetzt. Er fußt auf dem dreifaltigen Gott, der Liebe, der Beziehung ist. Er geht davon aus, dass auch wir, die wir auf seinen Namen getauft sind, eine „Kirche in Beziehung“ bilden – eine Kirche in Beziehung zu Gott, zu seiner Schöpfung und zu den Menschen, mit denen wir zusammen leben. Ich glaube, wir leben diese Beziehung bereits. Sie darf aber nie stehen bleiben. Hier gilt das Gesetz allen Wachstums: Was nicht wachsen will, das schrumpft.

Ich möchte Ihnen daher einige Fragen mit auf den Weg geben, die Sie in diesem Jahr und besonders in der kommenden Fastenzeit begleiten können:

  • Jemand wird umso mehr Christin und Christ, je mehr sie und er sich die Beziehung des dreifaltigen Gottes schenken lässt. Wie kann ich den dreifaltigen Gott zum Mittelpunkt meines Lebens werden lassen? Wie lässt sich diese Beziehung in unseren Gemeinden verlebendigen und erneuern?
  • Jemand wird umso menschlicher, je echter sie und er Beziehungen und Freundschaften schenkt und annimmt. Freundschaften sind nie selbstverständlich und auch nicht einfach da. Wie steht es um die Beziehung zu meinen Schwestern und Brüdern? Was bedeuten sie mir? Wie pflegen wir diese Beziehungen in unseren Gemeinden und an unseren Lebensorten, in unserem ganzen Erzbistum konkret? Begegnen wir einander in Liebe und Freiheit? Warum wollen manche Beziehungen einfach nicht gelingen?
  • Die ganze Schöpfung ist ein Beziehungsgeschehen. Was wir hier im Norden tun, wirkt sich auch woanders aus. Und: Wir Menschen sind selbst Teil der Schöpfung. Was bedeutet mir die Beziehung zur Schöpfung? Wie gehe ich mit ihr um?

Liebe Schwestern und Brüder,

ich möchte nicht nur über Gott reden, sondern mit ihm. Deshalb schließe ich mit einem Gebet des heiligen Augustinus. Es steht auch in unserem Gotteslob.

„Groß bist du, Herr, und über alles Lob erhaben. Und da will der Mensch dich preisen, dieser winzige Teil deiner Schöpfung. Du selbst regst ihn dazu an; denn du hast uns zu dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir. Sag mir in der Fülle deiner Erbarmung, mein Herr und mein Gott, was du mir bist! Sag zu meiner Seele: Dein Heil bin ich. Sag es so, dass ich es höre!“ (GL 6,2)

Liebe Schwestern und Brüder,

zum heutigen Fest des heiligen Ansgar, unseres Bistumspatrons, grüße ich Sie herzlich. Ich freue mich, dass wir gemeinsam hier im Norden Kirche des dreifaltigen Gottes sind!

Es segne Sie und Euch alle der dreifaltige Gott:

Der + Vater und der + Sohn und der + Heilige Geist!

Ihr

+ S t e f a n

Erzbischof von Hamburg

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