Hirtenwort von Erzbischof Dr. Stefan Heße anlässlich des Ansgarfestes 2022

Liebe Schwestern und Brüder im Erzbistum Hamburg,

viele Gespräche konnte ich in den vergangenen Wochen und Monaten mit den Gremien, verschiedenen Gruppierungen und auch Einzelnen aus unserem Erzbistum führen. Oft haben wir auf die vergangenen Monate zurückgeschaut, dann aber auch unseren Auftrag für die Zukunft in den Blick genommen. Ich bin sehr dankbar für diese oft sehr intensiven Begegnungen und Impulse. Vieles daraus klingt in mir weiter nach.

Durch meine Fehler im Rahmen der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln sind viele von Ihnen verunsichert, ist Vertrauen gebrochen, ist die Resignation bei nicht wenigen verstärkt. Dabei habe ich auch manchen Zorn gespürt, bis hin zu Verzweiflung an der Kirche. Das schmerzt auch mich, und meine Fehler tun mir leid. Auch ich trage für diese Situation Verantwortung.

Es ist eine Zeit der Krise für die Kirche in Deutschland und als Ganzes. Wir erleben einen Reformstau in der Kirche – auch im Erzbistum Hamburg. Dazu kommen die Herausforderungen durch Corona, die uns alle belasten und gleichzeitig die Veränderungen noch einmal beschleunigen.

Die Entscheidung des Papstes, meinen Amtsverzicht nicht anzunehmen, und die vielen Gespräche der letzten Wochen fordern mich heraus, meine Verantwortung als Bischof konsequent wahrzunehmen. Für mich liegt darin ein deutlicher Auftrag zur Arbeit an mir selbst und zur systemischen Veränderung. Die kirchliche Realität stellt uns Aufgaben, vor denen ich und wir uns nicht verstecken können und sollten! Wir stehen vor eklatanten Umbrüchen. Die Abbruchsszenarien mögen erschrecken; wir können sie aber auch als Aufruf und Chance begreifen.

Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen, ich habe aus den vergangenen Monaten viel gelernt und bin bereit, die Herausforderungen anzunehmen und zu gestalten. Für mich stechen folgende Themenbereiche und Aufgaben heraus:

Prävention, Intervention und Aufarbeitung

Die Prävention sexuellen Missbrauchs ist ein wichtiger Baustein professionellen Handelns – ebenso eine konsequente Aufarbeitung, um den Betroffenen sexualisierter Gewalt und ihren leidvollen Erfahrungen gerecht zu werden.

Alle haupt-­ und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Erzbistum Hamburg müssen die Teilnahme an einer Präventionsschulung zum Thema sexualisierte Gewalt nachweisen und zu Beginn ihres Dienstes ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis abgeben. Sonst ist ein regelmäßiger Dienst in unserer Diözese nicht möglich.

Alle Pfarreien und Einrichtungen im Erzbistum Hamburg sind zur Entwicklung und Umsetzung eines institutionellen Schutzkonzeptes verpflichtet. Dieses ist spätestens bis zum 1. Oktober 2022 einzureichen. Bis dahin müssen alle Entwicklungsschritte mit einem verbindlichen Zeitplan dargestellt werden. Die dazu notwendigen Entwicklungsprozesse sind bekannt und häufig bereits gestartet. Viele Einrichtungen haben bereits 2021 ihr Schutzkonzept eingereicht und zertifizieren lassen. Die Schutzkonzeptumsetzung wird ab sofort immer Gegenstand der bischöflichen Visitation sein.

Derzeit entstehen ein Betroffenenrat und die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung gemeinsam mit den Bistümern Osnabrück und Hildesheim. Damit wird es über das schon laufende regionale Aufarbeitungsprojekt in Mecklenburg hinaus ein Gesamtprojekt zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs für unser Erzbistum geben.

Wir arbeiten entschlossen daran, Strukturen und Prozessen, die jede Form von Missbrauch begünstigen könnten, entgegenzuwirken. Dafür haben wir in unserem Erzbistum schon einige solide Grundlagen geschaffen, wie z. B. durch klare Abläufe in verschiedensten Verfahren, die es immer wieder zu überprüfen gilt.

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass wir auch auf alle Formen des geistlichen Missbrauchs unsere Aufmerksamkeit richten werden und hierzu in enger Abstimmung mit der Deutschen Bischofskonferenz Kriterien und Verfahren entwickeln. In unserem Erzbistum gibt es eine Arbeitsgruppe, die zu diesem Thema angefragt werden kann.

Ich trage dafür Sorge, dass über die Prozesse im Bereich Prävention, Intervention und Aufarbeitung transparent und öffentlich informiert wird. Künftig wird es auch einen jährlichen umfassenden Tätigkeitsbericht geben.

Mir ist bewusst – gerade aufgrund dessen, was Betroffene mir berichtet haben: Keine Maßnahme und keine Anerkennungsleistung wird das Leid der Betroffenen je wieder heilen können. Aber wir setzen mit diesen und weiteren Bausteinen viel daran, bestmöglichen Schutz zu gewährleisten.

Dienende Kirche – menschennah

Mit Jesus wollen wir nah bei den Menschen sein. Wir sind gemeinsam unterwegs mit den Menschen im Norden, in den Höhen und Tiefen ihres Lebens. Als Bischof werde ich noch stärker als bisher meinen Blick auf die Schwachen und an den Rand Gedrängten richten und mich für sie einsetzen. So habe ich mir vor­ genommen, die Menschen in den verschiedenen sozialen Einrichtungen häufiger zu treffen und zu hören. Ins Zentrum stelle ich dabei die Frage Jesu: „Was willst du, dass ich dir tue?“ (Lk 18,41)

Ich begreife unsere Kirche als dienende Gemeinschaft. Damit geht unter anderem die Stärkung der Caritas einher. Dabei denke ich an das persönliche Tun jedes Einzelnen und natürlich an unseren Caritasverband, aber vor allem an die gemeindliche Caritas. Eine karitative Haltung ist für mich wesentlich und zukunftsweisend. In der Pastoral unseres Erzbistums und unserer Pfarreien muss Caritas an Bedeutung gewinnen. In einem ersten Schritt möchte ich die Akteure einladen und stärker miteinander vernetzen.

Lernende Kirche – Kultur unserer Zusammenarbeit

In allen Sozialbeziehungen entfaltet Macht ihre Dynamik. Allerdings darf Macht nie dazu gebraucht werden, dass ein Mensch über einen anderen Herrschaft und Dominanz ausübt – erst recht nicht in der Kirche. Insbesondere dann nicht, wenn er oder sie ein Amt oder eine höhere Position in der Hierarchie innehat. Wo das passiert, wird Macht missbraucht.

Ich möchte, dass im Erzbistum Hamburg das „Prinzip Augenhöhe“ gilt: Ehren­ und Hauptamtliche, Priester und Laien, Mitarbeitende und Führungskräfte sollen die Macht, die sie haben, darauf verwenden, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Das gilt auch für die Bischöfe und natürlich auch für mich. Das Vorzeichen, das vor allen legitimen Unterschieden zwischen uns steht, ist, dass wir als Volk Gottes gemeinsam gehen und „Kirche in Beziehung“ sind.

In den Gesprächen der vergangenen Monate habe ich auch Verletzungen wahr­genommen von Menschen, die das schmerzhaft anders erfahren haben. Ich möchte daher im Sinne einer lernenden Kirche fünf konkrete Ankündigungen und Vorschläge machen.

Erstens: In den nächsten Monaten wird ein Beschwerdemanagement im Erzbistum Hamburg eingerichtet. Die Ausschreibung für die Besetzung der Stelle erfolgt noch in diesem Quartal. Damit wird es möglich, Beschwerden an unabhängige Kontaktpersonen zu richten, die die Einhaltung eines zuverlässigen Beschwerdeweges mit klaren Zuständigkeiten sicherstellen.

Zweitens: Ich möchte die Wirksamkeit unserer diözesanen Gremienarbeit erhöhen. Wie gelingt es, partizipativer zu arbeiten? Wie gelingt es, eine synodalere Kirche zu werden? Um das zu klären, evaluieren wir unsere Gremien und sind dabei, den Diözesanpastoralrat und den Wirtschaftsrat weiterzuentwickeln. Der Erzbischöfliche Rat ruht auf unbestimmte Zeit und stattdessen möchte ich Resonanzgruppen zu bestimmten Themen einladen.

Drittens werden wir unsere Personalarbeit weiterentwickeln und unsere Kommunikation stärken. Die Verbesserung unserer Feedback­Kultur soll ein Schwerpunktthema der Personalentwicklung sein. Ich erwarte, dass eine funktionierende Feedback­Kultur in beide Richtungen entwickelt und umgesetzt wird. Ein wichtiges Instrument hierfür sind verbindliche Mitarbeiterjahresgespräche. Ein Programm zur beruflichen Förderung von Frauen im Erzbistum Hamburg wird umgesetzt. Des Weiteren wird die Personalabteilung neue Standards für Bewerbungsverfahren veröffentlichen.

Viertens: Auch ich selbst möchte an einer besseren Kommunikation arbeiten. Ich werde eine regelmäßige offene digitale Gesprächsstunde anbieten. Informationen hierzu wird es in Kürze auf unserer Bistumshomepage geben. Außerdem denke ich über einen „Tag des offenen Bischofshauses“ für alle haupt-­ und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach.

Fünftens stelle ich mich weiterhin hinter unsere laufenden Projekte zu neuen Leitungsmodellen für Pfarreien. Wir müssen etwas verändern. Deshalb habe ich ein weiteres Personalprojekt unter dem Titel „missionarisch weiter gehen“ beauftragt, das auch in anderen pastoralen Feldern experimentelle Stellenformate entwickeln und evaluieren soll. Eine partizipativ arbeitende Projektgruppe wird sich noch im ersten Quartal dieses Jahres formieren.

Gottnah

Liebe Schwestern und Brüder,

lassen Sie mich am Schluss dieses Briefes auf das zu sprechen kommen, was für mich die Quelle unseres Christseins ist. Im Alten Testament lesen wir von der Heimkehr des Volkes Israel nach Jerusalem, das zu dieser Zeit eine Trümmerstadt war. Der Gottesdienst am Tempel wurde wieder eingeführt und der Glaube neu belebt. Am Ende seiner Auslegung sagt der Schriftgelehrte Esra: „Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Neh 8,10)

Ich bin der festen Überzeugung, dass dies auch auf uns zutrifft: Da, wo die Freude am Herrn ausgeprägt ist, sind wir echt stark, haben wir Ausstrahlung und etwas zu vermitteln.

Nun kann man eine solche Freude nicht einfach machen, aber für unsere Ein­stellung und Haltung trägt jeder seine, jede ihre Verantwortung. Ich wünsche mir in unserer Kirche mehr Raum für Kontemplation, Betrachtung, Meditation oder einfach das stille Gebet. Neben der Eucharistiefeier gilt es, die Vielfalt der Gottesdienstformen und Verkündigungsformen zu beleben. Gerne will ich als Bischof dazu beitragen und auch immer wieder mit Ihnen zusammen beten, ohne selbst immer der Vorsteher der Feier zu sein. Zukünftig lade ich regelmäßig am ersten Mittwoch im Monat, zum ersten Mal für den Aschermittwoch, am Abend zur stillen Anbetung des Allerheiligsten zwischen 19 und 21 Uhr in den St. Marien­Dom ein. Dazu werde ich Frauen und Männer darum bitten, Impulse zu den Lesungstexten des kommenden Sonntags zu geben. Ansonsten bleiben wir in Stille beim Herrn und schließen mit der Komplet. In einer manchmal erstickenden Atmosphäre ist das Gebet wie ein kräftiger Atemzug, ohne den uns die Luft ausgeht.

Mit diesem Wort ist nicht alles abgeschlossen. Im Gegenteil: Die Entwicklung des Erzbistums Hamburg geht weiter und soll Fahrt aufnehmen. Ich stelle mich dieser Herausforderung und lade Sie ein, dass wir gemeinsam daran weiterarbeiten.

Mit den besten Segenswünschen verbleibe ich

Ihr
Erzbischof Dr. Stefan Heße